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A story about a young girl, a grandmother, a wolf, an observer and maybe the mother


Märchenforum, Die Zeitschrift für Märchen und Erzählkultur, Mutabor Märchen Stiftung 2013



Der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell, der in seinem Buch „Der Heros in tausend Gestalten“ das Motiv der Heldenfahrt erforscht, behauptet, dass alle Geschichten ein gemeinsames Thema behandeln. In den Märchen, den Mythen, der Literatur, den Filmen können wir nur eine unvollständige Erzählung haben, die mit „und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“ endet.

Das Rotkäppchen, das kleine Mädchen, welches unbekümmert im Wald herumläuft, nachdem es mit dem bösen Wolf Freundschaft geschlossen hat, ist eine erste Lektion von der Akzeptanz der Existenz des Bösen in dieser Welt, Des Bösen, welches nicht zu Hause über einen hereinbricht, sondern im Wald. Die Geschichte beginnt an der Türschwelle, wo die Mutter schon im Voraus den Weg der Heldin vorbereitet und beschlossen hat. Sie lässt das Mädchen allein den Wald durchqueren. Und während wir über das Böse und seine Akzeptanz diskutieren, sollte etwas Anderes unser Interesse gefangen nehmen, nämlich dass die Mutter den Eintritt ihrer Tochter in die Welt der Erwachsenen beschließt. Die Verantwortung, die das Kind anfangs übernimmt, geht über seine Kräfte hinaus. Bei der Erwähnung der Gefahr wissen oder ahnen wir alle das Wichtigste: dass das Mädchen sich dieser stellen wird, ohne sie zu kennen. All das genügt, um der Charaktere und der Landschaft einige Merkmale zuzuweisen.

Obwohl der Weg beim Haus der Mutter beginnt und in einem anderen – dem der Großmutter – endet, spielt die Handlung im Wald. Somit werden „Haus“ und „Welt“ einander gegenübergestellt, und dazwischen liegt die wunderbare Welt des Waldes, die das Rotkäppchen dermaßen verzaubert, dass es eine lange Zeit damit verbringen wird, auf kleine Hügel zu steigen, Blumen, die Natur und das Leben außerhalb ihres Heimes zu entdecken.

Interessant ist auch, dass ihr Heim von der Gefahr unversehrt bleibt; der Kampf mit dem Wolf findet in dem Haus der Großmutter statt, und wenn alles gut endet, wird das Rotkäppchen nach Hause zurückkehren, als Siegerin.

Für einen Leser, der die Geschichte entweder zum ersten Mal liest oder sich in sie vertieft, ist es vielleicht von Vorteil, zunächst sich den Begriff des Waldes einzuprägen, das Mysterium der Natur, den Jahreszeitenwechsel, den Begriff des Labyrinths der Wahlen, die der Wald bietet, bevor die eigentliche Erzählung beginnt.

Die Helden werden sich dieser Gegebenheit anpassen, einer Sequenz, die auch ihre Bedeutung hat. Die erste Referenz bezieht sich auf die Anerkennung der Reinheit und der Gutherzigkeit des Mädchens. Das Mädchen selbst aber tritt noch nicht in Erscheinung, oder besser, es erscheint als Enkelin in einer Referenz, da die Großmutter das Hauptmerkmal der Heldin strickt: die rote Mütze, ein Insignium, das auch der Wolf als Maske verwenden wird, um die Rolle der Kleinen zu verkörpern und die Großmutter zu täuschen.

Die drei Frauen

Die drei Frauen, Großmutter, Mutter, Tochter, fallen in die Freudsche Analyse der drei Wahlen (Sigmund Freud, Das Motiv der Kästchenwahl), wobei die jüngere und fähigste den Tod symbolisiert, den sie freudig in ihrem symbolischen Kleidungsstück mit sich trägt, um ihn zu beschwören. Meiner Meinung nach beinhaltet die Größe dieses Märchens, das naiv erscheinen mag, aber uns doch in unseren Gedanken verfolgt, jedes Mal wenn wir einer Gefahr begegnen (siehe die Redewendung „Wolf im Schafspelz“), Wahrheiten, welche den Lesern bei der Abwendung von Gefahren helfen, welche unüberwindbar erscheinen, doch kommen schließlich die Lösungen aus dem Überlebensinstinkt heraus.

Der Illustrator muss zwei Welten in einem gemeinsamen Weg in Einklang bringen: Das hässliche Böse mit dem Schönen –die Bedrohung mit der Tugend. Wenn wir akzeptieren, dass Rotkäppchen die Heldenrolle hat, dann wird seine Schönheit und seine Tugend in Erscheinung treten im Moment, wo es dem Wolf gegenübertritt und ihn besiegt, im Moment, wo es sich von seinem roten Käppchen trennt und ohne es die Außenwelt betritt.

Die Schönheit wird im Moment gewonnen, wo der Wolf nicht mehr böse ist, weil er nicht länger gefährlich ist, und das Rotkäppchen nicht mehr naiv ist, sondern frei im Wald laufen darf, im Einklang mit dessen Gesetzen. Das Ziel und der Gewinn ist die Freiheit durch die Erkenntnis der Grenzen.

Der Anstoss der Mutter

Im Verlauf der Geschichte wird die Hauptheldin, Rotkäppchen, essenzielle Transformationen durchleben, welche auch ihre Reife signalisieren werden.

Im Grunde gibt die Mutter den Auftrag, den Stoß an der Türschwelle und die Sicherheit, dass, nachdem sie dem Mädchen einen solchen Auftrag erteilt hat, sie ihm vertraut, dass es es schaffen wird. Ihr Gesicht sehen wir nie. Sie ist in der Küche und kocht, Töpfe dampfen, der Fernseher läuft, der Kessel zischt… Das Rotkäppchen steht schon an der Schwelle.

Die Begegnung mit dem Wolf findet sie in ihrem frühen Alter. Ein kleines Kind in ständigem Spiel. Der Wolf ist ihr Freund. Die anderen Tiere kennen die Gefahr, wie auch der Leser. Die Tiere verstecken sich im Laub und beobachten. Hier haben wir das erste Konzept des Mutes aus Unwissenheit. In dieser Landschaft finden das Kennenlernen und der bekannte Dialog statt. Es ist der Moment, wo das Rotkäppchen die Informationen bieten wird, die für die weitere Entfaltung der Geschichte und die Entstehung der Gefahr unabdingbar sind. Die Gefahr, und der Labyrinth des Waldes. Die Kenntnis des Waldes ist eine erstklassige Erfahrung für das Mädchen, damit es später dem Wolf begegnen kann. Das Mädchen verläuft sich nicht im Wald; es findet den Weg und geht zu Großmutters Haus, wie es versprochen hatte.

Im Haus der Grossmutter

Der Wolf dringt in das Haus der Großmutter ein, frißt sie und nimmt ihre Stelle ein. Als Rotkäppchen ankommt, wird es den Durchgang öffnen, um in die Unterwelt einzudringen, die in diesem Fall der Bauch des Wolfes ist, mit den bekannten Mißtrauensfragen: „Warum hast du denn so große Ohren?“ usw.

Aber der Moment im Bauch des Wolfes ist vielleicht der wichtigste in der ganzen Geschichte, denn genau das ist die wirkliche Schwelle der Wahl. Das Mädchen wird es schaffen, aus dem Bauch des Wolfes herauszukommen und auch ihre Großmutter zu retten. Der Kampf wird mühevoll sein und das Mädchen wird sich zwar befreien können, aber es wird auf dieser Reise seine rote Kappe und sein kindliches Kleid verlieren; es kommt in die Außenwelt ohne seine Initialien zurück, nackt, bereit, sich aufs Neue ihr gegenüberzustellen. Mit dem echten Mut der Reife.

Das Mädchen kommt wieder ans Licht, es kehrt zusammen mit der Großmutter zurück, aber um den Sieg über die Bestie zu registrieren, bedarf es eines Zeugen. Diese wichtige Rolle kommt dem Jäger zu, er ist im Moment der Überschreitung anwesend und weist als Zeuge darauf hin, dass die Tat verwirklicht wird, wie auch die Größe dieser Tat.

Das Schlussbild

Die Mutter ist auf dem letzten Bild auch anwesend, wie auch die Tiere des Waldes. Der Wolf steht auf einem hohen Hügel, weit weg, in seiner düsteren Rolle. Bevor das Buch endet, noch ein Bild des winterlichen Waldes.

Übersetzung aus dem Griechischen von Christina Lummel

Literatur

1. Joseph Campbell „Der Heros in tausend Gestalten“. Insel Taschenbuch, 1999

2. Sigmund Freud, „Das Motiv der Kästchenwahl. Mehrfarbige Faksimileausgabe im Originalformat von Freud grossflächigen Manuskriptblättern“. S. Fischer Verlag, 1977

3. George Aperghis, „The Little Red Riding Hood“ directed by Jean-Baptiste Mathieu, Juxtapositions DVD 2006